HERBERT GRASEMANN
PROBLEMSCHACH Band II
VORWORT DES VERFASSERS
Als im April 1955 der erste Band „Problemschach“ erschien, den Zeitraum 1946—1952 umfassend,
liebäugelte der Verfasser bereits mit dem Plan, die damit begonnene Übersicht über das zeitgenössische
Problemschaffen weiterzuführen. Daß mit dem nun vorliegenden zweiten Band diese Absicht hat
verwirklicht werden können, ist dem erfreulichen Erfolg des Vorgängers zu danken, dem einhelligen
Beifall der Fachwelt und vor allem der günstigen Aufnahme durch den Leser.
Die Auswahl aus den Jahren 1952—1957 erhebt wie die voran¬gegangene nicht den Anspruch,
repräsentativ zu sein. Der Ver¬fasser darf aber hoffen, daß sie bei aller notwendig subjek¬tiven Schau
dennoch einiges von dem widerspiegelt, was die Situation des Schachproblems in unserer Zeit
kennzeichnet — des Schachproblems, das trotz seiner Begrenztheit hinsichtlich des verfügbaren
Materials gleichwohl dem Gestaltungswillen des schöpferisch begabten Menschen unabsehbare
Möglichkeiten bietet, auch heute noch. Von Tag zu JTag werden freilich höhere Anforderungen an sein
theoretisches Wissen, sein tech¬nisches Können und seine künstlerische Ausdruckskraft ge¬stellt; mehr
und mehr setzt sich bei Autoren und Publikum die Auffassung vom Schachproblem als einer durchaus
ernst zü nehmenden Darstellungsform des kunstschaffenden Menschen¬geistes durch, die den gleichen
Wertmaßstäben anpaßbar ist, wie sie für Werke der legitimen Künste gelten. Dementspre¬chend hat
sich das Lösen von Schachaufgaben zu einer Art Kunstbetrachtung erhoben. Der normal empfindende
Löser von heute ist mit Recht enttäuscht, wenn ihn ein Problem in seinem Kunstwert unbefriedigt läßt,
wenn er für die aufge-wendete Mühe nicht mit einem angemessenen geistigen Genuß belohnt wird.
Dies wäre beispielsweise der Fall bei Problemen, die einzig und allein auf Schwierigkeit angelegt sind,
oder bei solchen, deren Grundgedanken nicht genügend sinnfällig und verständlich herausgearbeitet
wurden. Für Erscheinungen dieser Art ist in der Sammlung kein Platz.
Der innere Aufbau des Buches wie die äußere Anordnung der Diagramme und Kommentare — sie hat
sich gut bewährt und beginnt bereits Schule zu machen — entsprechen dem ersten Band, ebenso die
Beschränkung auf spielgerechte („orthodoxe“) Probleme mit der Forderung „Matt in n Zügen“. Zur
Aufnahme von sogenannten Märchenschachaufgaben (das sind solche, die mehr oder minder stark von
den normalen Spielregeln ab¬weichen) konnte der Verfasser sich um so weniger entschließen, als diese
Gattung sich in der Literatur ohnedies recht breit¬macht, gemessen an der Tatsache, daß Liebhaber
derartiger Darbietungen weit weniger im Publikum zu finden sind als unter dem Bühnenpersonal.
Der Hauptteil enthält 74 Zwei-, 51 Drei- und 107 Mehrzüger deutscher Herkunft. Den Abschluß bilden
namhafte auslän¬dische Autoren mit weiteren 68 Problemen, die während der Berichtszeit in der
deutschen Fachpresse als Erstveröffent-lichungen (Urdrueke) erschienen sind. Damit soll die
Verbunden¬heit mit den Freunden jenseits der Grenzen zum Ausdruck kommen und der Vergleich mit
bedeutenden Werken inter¬national maßgebender Komponisten ermöglicht werden. Wenngleich dieser
zweite Band chronologisch an den ersten anschließt, so stellt er doch keine Fortsetzung in dem Sinne
dar, daß die Kenntnis des früheren für das Verständnis des folgenden Voraussetzung wäre. Auch diesmal
wurden alle er¬wähnten Themenbezeichnungen und Fachausdrücke erschöpfend erläutert. Die
Wiederholung gewisser grundlegender und ständig wiederkehrender Begriffe mußte dabei in Kauf
genommen wer¬den, kann aber in didaktischer Hinsicht nur nützlich sein.
Auf ein ausführliches Fachwort-Register ist wieder besondere Sorgfalt verwendet worden, das
Komponisten-Verzeichnis wurde noch erheblich erweitert. Jedoch kann und will das Buch kein Lexikon
des Problemschachs sein. Dazu hätte eine weit¬gehende Vollständigkeit im theoretisch-
terminologischen Be¬reich angestrebt werden müssen, die der Verfasser eher als Nachteil denn als
Vorzug zu werten geneigt ist, hält er doch gerade die Entrümpelung der Fachsprache von überholten
und entbehrlichen Begriffen für eine notwendige aktuelle Aufgabe. Zur Auflockerung des Begleittextes
sind einige Zitatblätter ein¬gestreut; sie mögen dem ernsthaft und systematisch Studierenden als
Verschnaufpausen dienen, Geist und Gemüt zu erfrischen.
Berlin, im Januar 1959
Price: 20€
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