HERBERT GRASEMANN
PROBLEMSCHACH Band I
VORWORT DES VERFASSERS
Das Gebiet der künstlich geschaffenen Schachaufgaben, der Schachkompo-sitionen, hat in den ersten
Jahren nach Kriegsende gerade auch in Deutschland einen mächtigen Aufschwung genommen, der in
der un¬gewöhnlichen Dichte erstklassiger Schöpfungen überzeugenden Ausdruck findet. Die Fülle des
von vielen talentvollen Autoren Geschaffenen voll¬ständig zu überschauen, ist selbst dem Spezialisten
kaum möglich, zumal es in ungezählten Schachzeitschriften und -spalten des In- und Auslands verstreut
ist. Schon darum kann der mit diesem Buch gewagte Versuch einer Auslese des nach Meinung des
Selektors über den Tag hinaus Wert¬beständigen eine lückenlose Sammlung des allgemeingültig und
anerkannt Besten nicht erbringen. Darauf kommt es dem Verfasser auch nicht an. Er möchte nur für das
Kunstschach werben, das Interesse an diesem noch mit manchem haltlosen Vorurteil belasteten
selbständigen Zweig des Königlichen Spiels wecken und — dazu schien ihm das Beste gerade gut genug
— das Verständnis vertiefen für seine Schönheiten und Ideen¬gehalte, an denen der Nur-Partiespieler
achtlos vorübergeht, ohne zu ahnen, wieviel Freude und geistiger Genuß ihm dadurch entgeht.
Am Beispiel verschiedenartigster Kompositionen von hoher und höchster Qualität soll überdies gezeigt
werden, daß die moderne Schachaufgabe ihrem eigentlichen Wesen nach weit-mehr ist als ein bloßes
Schachrätsel, daß sie. durchaus fähig ist, den Rahmen abzugeben für die Gestaltung schachlicher Ideen
nach den Voraussetzungen und Grundsätzen, die für jede Art schöpferischer Tätigkeit gelten. Jede der
dargebotenen 250 Kom¬positionen entspricht in hohem Grade dieser Auffassung vom Schach¬problem
als der künstlerischen Darstellung schachlicher Gedanken im Rätselgewand. Sie allein war Richtschnur
und Maßstab für die Aufnahme in dieses Buch. Keine wesentliche Rolle spielten hingegen die
Zugehörig¬keit zu einer bestimmten Schule oder Kunstrichtung, die Bedeutung für die Theorie oder gar
der Name des Autors. Eine gewisse willkürliche Abgrenzung freilich ließ sich aus rein praktischen
Gründen leider nicht vermeiden. So wurden nur Kompositionen deutscher Verfasser aus den Jahren
1946—1952 berücksichtigt, und dabei wiederum nur sogenannte orthodoxe Probleme, also
spielgerechte Aufgaben mit der Forderung „Matt in … Zügen“.
Das nach diesen Gesichtspunkten zusammengetragene Material ist nach der Zügezahl in drei Abschnitte
gegliedert. Innerhalb dieser bestimmte der sachliche Zusammenhang die Anordnung. Es lag nicht im
Plan des Verfassers, eine Problemsystematik zu geben oder ein Lehrbuch der Problemkomposition zu
schreiben. Die den Lösungen beigegebenen Kom-mentare können sich daher auf die Erläuterung des
wesentlichen Inhalts beschränken und auf Werturteile in der Regel verzichten. An Spezial-ausdrücken,
die in gewissem Umfang nun einmal nicht zu umgehen sind, wurden nur die wichtigsten und in der
Literatur immer wiederkehrenden benutzt. Jeder von ihnen ist an einer passenden Stelle des Buches, die
mit Hilfe des angehängten Fachwort-Registers leicht aufzufinden ist, er¬klärt. Längere theoretische
Ausführungen wurden nur dort für nötig erachtet, wo eine von der bisherigen Lehrmeinung
abweichende eigene Auffassung begründet werden mußte.
Die gewählte räumliche Anordnung der Stellungsbilder und des Textes nimmt Rücksicht auf den Leser,
der erst dann ein Problem richtig genießt, wenn er es selbständig gelöst hat. Andererseits soll sie
demjenigen, der die Aufgaben an Hand des entsprechenden Kommentars studieren möchte, das lästige
Hin- und Herblättern ersparen; er braucht nur die dazwischenliegenden Seiten senkrecht zu stellen und
hat beides neben¬einander — von. wenigen umbruchtechnisch bedingten Ausnahmen ab¬gesehen.
Depi Hauptteil mit seinen 68 Zweizügern, 52 Dreizügern und 130 Mehr- zügern —die Auswahl wurde
übrigens bereits Anfang 1953 abgeschlossen — geht ein kurzer Abriß der Entwicklungsgeschichte des
deutschen Problem-schachs mit weiteren 36 Illustrationsbeispielen voraus.
Für manchen wertvollen Hinweis hat der Verfasser seinen Freunden S. Brehmer, J. Breuer und B.
Sommer zu danken.
Berlin, im Februar 1954
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